Ein Mittelmotor ist technisch die naheliegende Wahl für ein schnelles E-Bike, weil er über die Kette die Gänge nutzt und das Gewicht tief und mittig sitzt. Ein Mittelmotor-Kit mit mehr als 250 W macht dein Fahrrad aber nicht zum S-Pedelec: Dafür braucht das komplette Fahrzeug eine Betriebserlaubnis, beim Eigenbau also eine Einzelbetriebserlaubnis nach Gutachten. Hier erfährst du, wie die Technik funktioniert, was Rahmen, Bremsen und Ausstattung leisten müssen und was ein Gutachter prüft.
So funktioniert ein Mittelmotor
Der Mittelmotor sitzt am Tretlager und treibt das Kettenblatt an. Die Motorkraft läuft dadurch über Kette, Kassette und Schaltung zum Hinterrad. Vorteil: Der Motor arbeitet über die Gänge in einem günstigen Drehzahlbereich, am Berg wie in der Ebene. Nachteil: Kette, Ritzel und Kettenblatt tragen die Summe aus Fahrer- und Motorkraft und verschleißen entsprechend schneller.
Bei Nachrüst-Mittelmotoren wird der Motor meist durch das Tretlagergehäuse geschoben und mit einer Gegenmutter fixiert. Für den legalen Pedelec-Umbau mit 250 W gibt es dafür etablierte Systeme, die wir unter E-Bike-Motoren vorstellen. Für die Montage brauchst du passendes Innenlager-Werkzeug*.
* Werbelink: Bei einem Kauf erhalten wir ggf. eine Provision, für dich ändert sich der Preis nicht. Mehr
Mittelmotor und S-Pedelec: was rechtlich gilt
Sobald ein Antrieb mehr als 250 W Nenndauerleistung hat oder über 25 km/h hinaus unterstützt, ist das Rad kein Fahrrad mehr, sondern ein Kraftfahrzeug. Unterstützt es bis 45 km/h und bleibt die Nenndauerleistung bei höchstens 4.000 W, fällt es in die Klasse L1e-B. Für die Straße brauchst du dann:
- eine Betriebserlaubnis für das ganze Fahrzeug (beim Eigenbau: Einzelbetriebserlaubnis nach § 21 StVZO),
- ein Versicherungskennzeichen,
- mindestens die Führerscheinklasse AM,
- einen geeigneten Schutzhelm.
Leistungsstärkere Nachrüst-Mittelmotoren, wie sie im Handel etwa als Bafang BBSHD angeboten werden, haben in der Regel keine Typgenehmigung für den Straßenverkehr. Sie dürfen ohne Betriebserlaubnis des Gesamtfahrzeugs nur auf Privatgelände genutzt werden. Konkrete Leistungsdaten nennen wir hier bewusst nicht, weil sie je nach Händler und Version stark abweichen und für die Zulassung ohnehin nicht der Motor allein zählt.
Anforderungen an das Fahrzeug
Ein Gutachter bewertet nicht den Motor, sondern das Gesamtfahrzeug. Die folgende Tabelle zeigt, welche Bereiche bei einem Mittelmotor-Eigenbau typischerweise kritisch sind. Die Liste ersetzt keine Absprache mit dem Sachverständigen.
| Bereich | Was gefordert bzw. geprüft wird | Typisches Problem beim Umbau |
|---|---|---|
| Rahmen und Gabel | Festigkeit für höhere Geschwindigkeit und Last, Nachweis der Eignung | Fahrradrahmen sind für 25 km/h ausgelegt, Herstellerfreigabe fehlt meist |
| Tretlager | sichere Aufnahme des Motors, keine Verformung | Tretlagergehäuse ist nicht für Motorkräfte konstruiert |
| Bremsen | Bremswirkung passend zu 45 km/h und Gesamtgewicht | Fahrradbremsen ohne Nachweis für Kraftfahrzeugeinsatz |
| Beleuchtung | Abblend- bzw. Tagfahrlicht, Schluss- und Bremsleuchte, Kennzeichenbeleuchtung | Bremsleuchte und Kennzeichenleuchte fehlen bei Fahrrädern |
| Rückstrahler | seitlich, hinten, Pedale | oft nur teilweise vorhanden |
| Schallzeichen | Hupe statt Klingel | Hupe muss nachgerüstet werden |
| Rückspiegel | mindestens ein Spiegel | Halterung am Lenker, Sichtfeld |
| Kennzeichen | Halter für Versicherungskennzeichen mit Beleuchtung | stabile, normgerechte Position am Heck |
| Reifen | für die Geschwindigkeit geeignet (bei Serien-S-Pedelecs ECE-R75) | Fahrradreifen ohne passende Kennzeichnung |
| Tachometer | ablesbarer Geschwindigkeits- und Kilometerzähler | Fahrraddisplays sind nicht als Tacho geprüft |
| Höchstgeschwindigkeit | bauartbedingt begrenzt auf 45 km/h, manipulationssicher | Nachweis der Abregelung ohne Herstellerunterlagen |
Die Angaben zu Beleuchtung, Hupe, Kilometerzähler und manipulationssicherer Begrenzung stammen aus einem Fachvortrag der DEKRA zur Typgenehmigung von S-Pedelecs. Die Anforderungen an Reifen, Spiegel und Seitenständer werden für Serien-S-Pedelecs unter anderem von pedelec-elektro-fahrrad.de beschrieben.
Was ein Gutachter typischerweise prüft
Unterlagen
Der Sachverständige möchte nachvollziehen können, woraus dein Fahrzeug besteht. Hilfreich sind Rechnungen und Datenblätter aller Komponenten, Prüfzeichen von Licht, Reifen und Bremsen sowie eine Bestätigung des Rahmenherstellers zur Eignung. Fehlen Nachweise, muss der Gutachter selbst prüfen oder ablehnen.
Fahrzeugprüfung
Dazu gehören Sichtprüfung, Funktionsprüfung von Licht und Hupe, Bremsprüfung und eine Messung der Höchstgeschwindigkeit der Unterstützung. Die Motorleistung wird nach ECE-R85 als Nenndauerleistung über 30 Minuten bestimmt. Ob ein Gutachter diese Messung selbst durchführt oder einen Nachweis verlangt, klärst du am besten vorab.
Elektrik und Akku
Ein Kraftfahrzeug muss elektromagnetisch verträglich sein. Für Umbauten ohne Herstellerprüfung kann ein EMV-Nachweis teuer werden. Außerdem achtet ein Prüfer auf sichere Verkabelung, Absicherung und einen Akku mit Markenzellen und Batteriemanagementsystem (BMS). Lade den Akku nur mit dem passenden Ladegerät und bewahre ihn sicher auf, zum Beispiel in einer Akku-Brandschutztasche*. Mehr dazu unter E-Bike-Akkus.
Mittelmotor oder Heckmotor?
Für das schnelle Pendeln wird oft der Mittelmotor empfohlen, weil er die Gänge nutzt. Ein Heckmotor ist dafür mechanisch einfacher und belastet die Kette nicht zusätzlich. Die Unterschiede erklären wir im Artikel Mittelmotor vs. Heckmotor und auf der Seite Heckmotor im S-Pedelec.
Fazit
Technisch ist der Mittelmotor eine gute Basis für schnelle E-Bikes, rechtlich ändert ein stärkerer Motor aber alles: Ohne Einzelbetriebserlaubnis bleibt er ein Fall für Privatgelände. Willst du den legalen Weg gehen, sprich vor dem Kauf mit einem Sachverständigen und lies unsere Seite zur Einzelbetriebserlaubnis. Für fast alle anderen ist ein 250-W-Mittelmotor als Pedelec die praktischere Lösung. Unterstützung bei Planung und Abnahme bekommst du über unsere Umbau-Anfrage.
Häufige Fragen
Ist ein Mittelmotor-Kit mit mehr als 250 W straßenzugelassen?
Nein. Eine Betriebserlaubnis bezieht sich auf das ganze Fahrzeug. Ein stärkerer Motor darf nur mit Einzelbetriebserlaubnis des umgebauten Rads, Versicherungskennzeichen und Führerschein im Straßenverkehr genutzt werden, sonst nur auf Privatgelände.
Welche Ausstattung braucht ein S-Pedelec zusätzlich zu einem Fahrrad?
Unter anderem Abblend- oder Tagfahrlicht, Brems- und Kennzeichenleuchte, Hupe, Rückspiegel, Rückstrahler, Kennzeichenhalter und einen Kilometerzähler. Die genauen Anforderungen klärst du mit dem Sachverständigen.
Hält ein normaler Fahrradrahmen einen starken Mittelmotor aus?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Fahrradrahmen sind in der Regel nicht für Kraftfahrzeug-Belastungen freigegeben. Ohne Bestätigung des Rahmenherstellers wird ein Gutachter kaum zustimmen.
Was misst der Gutachter bei der Motorleistung?
Maßgeblich ist die Nenndauerleistung, die nach ECE-R85 über 30 Minuten gemessen wird. Für die Klasse L1e-B darf sie höchstens 4.000 W betragen, die Unterstützung muss bauartbedingt bei 45 km/h enden.
Darf ich einen starken Mittelmotor auf Privatgelände fahren?
Ja, auf privatem Gelände mit Erlaubnis des Eigentümers, das nicht dem öffentlichen Verkehr zugänglich ist. Öffentliche Wege, Feld- und Waldwege gehören nicht dazu.